»Unser Krieg« in Rio de Janeiro

In Brasilien herrscht gegenwärtig ein Krieg, das Zentrum ist Rio de Janeiro. 34.000 Tote jährlich, allein in Rio, Polizeistationen werden in die Luft gesprengt, Favelas werden von der Polizei angegriffen, tote Zivilisten – darunter viele Kinder.

Brasilianer sprechen von „unserem Krieg“. Was ist das für ein Krieg? Es geht um Drogen, Menschen und Waffenhandel. In Rio leben 6,2 Millionen Menschen in Favelas, das sind 50% der Gesamtbevölkerung. Favelas sind illegale Siedlungen in denen Menschen, die früher aus dem Umland und aus den ländlichen Gebieten nach Rio zogen, sich eine primitive Unterkunft bauen. Ein Lebens- bzw. Schlafraum 4x4m, vielleicht ein kleiner Essraum, mehr brauchen die Menschen nicht, mehr wollen Sie nicht. Ihr Leben findet auf der Straße statt. Heute entstehen weitere Favelas obwohl es keine Zuwanderung in Rio mehr gibt. In den bescheidenen, primitiven Behausungen leben teilweise 2 bis 4 Familien. Die neuen Favelas sind Bedarfsdeckung der vorhandenen Bevölkerung.

Favelas entstehen auf Geländen in denen in den letzten 15 Jahren keine Investitionen getätigt wurden. IBISS (Instituto Brasileiro de Inovacoes em Saude Social), die größte gemeinnützige Hilfsorganisation in Rio mit über 500 Mitarbeitern ist in 84 von ca. 500 Favelas aktiv. Heute verfügt IBISS über Scouts die solche Gelände entdecken und die Voraussetzung schaffen, dass die Ansiedlung legal und unter Vorbereitung der Infrastruktur (Wasser, Abwasser, Strom) stattfinden kann. Die neuen Favelas sind anfangs schon parzelliert und die Menschen die Menschen bekommen Ihre Parzellen mit den Medienanschlüssen zugewiesen. Für die Ansiedlung muß man sich bewerben. Nur in wenigen Monaten bauen Sie sich ihre Unterkünfte selbst. Sie bekommen ein Quantum Steine und Baumaterial von der Stadt bzw. der Regionalregierung. Obligatorisch bei allen Siedlungen in denen IBIS aktiv ist, ist in der Mitte der Ansiedlung ein Fußballplatz. Ronaldo und andere brasilianische Nationalspieler haben auf solchen Plätzen ihr Talent entwickelt. Es folgen soziale Einrichtungen, wie Vorschulen, Schulen und Krankenstationen. IBIS kann heute, nach mehr als 15 Jahren solche Projekte planmäßig entwickeln. Es gibt immer noch Favelas in denen die unorganisierte, primitive Entstehung vorherrschend ist. Ohne Strom, ohne Wasser und Abwasser ein Leben in unmenschlichen hygienischen Verhältnissen sind der Grund dafür, dass Tuberkulose und Lepra in Brasilien keine Seltenheit sind. Bei Lepra steht Brasilien an zweiter Stelle in der Welt. Bei Tuberkulose befindet sich Brasilien unter den ersten zehn. Die Hütten sind aus Holzresten und Pappe auf nackten Boden gezimmert ohne lebensnotwendige Versorgung. Die Entwicklung zur Menschenwürdigkeit vollzieht sich folgendermaßen: Zuerst werden die obligatorischen Fußballplätze installiert, die Schule für die Kinder und wenn möglich medizinische Versorgung sichergestellt. Dann geht man dazu über die Papphütten mit festen Steinmauern und einer festen Decke zu überziehen. Die einzelnen Hütten werden mit Strom und Wasser versorgt. IBISS tritt gegenüber den Stromversorgern als Generalabnehmer auf und die Bewohner zahlen monatlich alle den gleichen Beitrag monatlich an die selbst gewählte Vertretung ihrer „ Bürgermeisterei“. Vor solchen Regelungen haben die Anwohner, wenn überhaupt, sich den Strom illegal von den Verteilermasten gezapft. Nach der Verlegung von Wasser in jede Hütte ist der größte Schritt die Beseitigung der Abwässer. Anfänglich wird das Abwasser einfach nur auf die Straße, die meistens nur ein unbefestigter Feldweg ist, oder in die Natur geleitet. Die größte Errungenschaft in den Favelas ist die Zusammenfassung der Abwässer in Kanalsysteme die mit Erdarbeiten verbunden sind, und diese werden wenn möglich im Zusammenhang mit der Vorbereitung von Befestigungen ganzer Straßen und Wege vorgenommen. Erst wenn die Gassen und Wege befestigt sind ist von einem lebenswerten Standard auszugehen und die Voraussetzung für ein gesundes Leben erfüllt.

Das klingt alles so einfach. Favelas sind wilde, chaotische Ansiedlungen, in der Regel mit einem Gewirr von engsten Gassen, die so enge sind, dass teilweise nur ein Mensch sich fortbewegen kann. In diese Siedlungen nisten sich Drogenbosse ein und installieren Laboratorien in denen sie Drogen herstellen. Sie kristallisieren aus der Rohstoffpaste aus Bolivien ein fertiges Endprodukt, weniger für den brasilianischen, sondern für den Weltmarkt. Das heißt alle Favelas werden von Drogenbossen beherrscht. Sie legen sich eine Armee von Kindern zu, die mit schweren Waffen die Zugänge zur Favela Tag und Nacht bewachen. Diese Kinder werden in Brasilien „soldados“ genannt. Sie müssen unter Einsatz ihres Lebens die Favela vor Angriffen anderer Drogenkartelle oder der Polizei schützen. Die engen Gassen eignen sich hervorragend dazu, dass mit wenigen, 1,2,3 soldados wichtige Zugänge verteidigt werden können. Bei den soldados handelt es sich um Kinder zwischen 9 und 17 Jahren, fast keiner von Ihnen erlebt das 21. Lebensjahr. Wenn es ihm nicht gelingt den Angriff abzuwehren, wissen sie, dass sie für ihr Versagen vom Drogenboss erschossen werden. Das gleiche gilt für Verräter unter ihnen, die Drogenbosse nennen, die Ermordung das „Archiv verbrennen“. Soldados ernähren mit dieser Tätigkeit ihre Familien und erwerben einen gewissen Status. IBISS bemüht sich erfolgreich seit Jahren diese jungen Menschen aus diesen Zusammenhängen herauszulösen und ihnen eine neue Perspektive zu geben. 300 von ca. 9000 soldados konnten schon in soziale Projekte integriert werden, in denen unter anderem auch Traumabewältigung stattfindet.

Die offizielle Arbeitslosigkeit in Rio beträgt 12%, die inoffizielle 50% der Bevölkerung. Diese Differenz erklärt sich aus der Tatsache, dass die Favelas grundsätzlich erst einmal als illegale Siedlungen für die Stadtregierungen nicht existieren. Wer nicht existiert, kann auch nicht arbeitslos sein, braucht keine Schule und keine medizinische Versorgung, so einfach ist das. Deshalb geht es auch darum, dass die Favelas einen öffentlichen Status bekommen und die Unterkünfte und Partiellen kartiert werden und in offizielle Kataster in Rio eingetragen werden. Damit werden die Bewohner offiziell registriert, was auch eine Voraussetzung für die Beteiligung an Wahlen ist. Bei der oben erwähnten planmäßigen Entwicklung der Favelas durch IBISS besteht die Parzellierung, Kartierung und Registrierung schon am Anfang. Die Grundstücke werden auf die Frauen der Familien eingetragen, da in Brasilien, eine Besonderheit, die Männer durchaus mehrere Familien haben, den Frauen aber die Verantwortung für die Familie und die Kinder überlassen wird.

Nicht in wenigen Fällen in der Vergangenheit wurden Frauen und Kinder auf die Straße geworfen um die Behausungen mit der neuen Familie zu teilen. Erst wenn die Menschen offiziell für die Stadt existieren kann der Kampf darum beginnen, dass der Staat die Stadt, die öffentlichen Kosten für die Versorgung mit medizinischen Dienstleistungen und die Verantwortung für Bildung und Ausbildung übernimmt. Bis zu diesem Zeitpunkt sind die Helfer von IBISS im Wesentlichen von internationaler Hilfe abhängig. Erst durch die Schaffung von Beispielen und die Erzeugung von entsprechenden Sachzwängen sieht sich die kommunale Administration gezwungen ihrer natürlichen Verantwortung gerecht zu werden und diese Aufgaben zu übernehmen.

Wenn, wie gegenwärtig, die Regionalregierung in Rio offiziell bankrott erklärt hat, keine Lohnzahlungen erfolgen, kann es passieren, dass die öffentlichen Einrichtungen geschlossen werden und Sozialeinrichtungen, Weisenhäuser und Schulen geschlossen werden, die Kinder einfach auf die Straße geworfen werden.

IBISS ist einer der wichtigsten Partner des Thüringer Kinderhilfswerks „OURCHILD“, dass sich in den 90er Jahren gegründet hat, als die Weltöffentlichkeit von den Zuständen der Straßenkinder in der Innenstadt von Rio de Janeiro erfuhr. Diese Kinder, von Ihren Eltern verlassen, hatten sich in Banden zusammengeschlossen und durch Überfälle sich das Lebensnotwendige besorgt. Diesen Straßenkindern eine Perspektive und Zukunft zu geben war der Grund für Projekte, um die Kinder mit täglicher Nahrung und Bildung auszustatten. Die damalige Lösung der Administration war ein Verbot des Aufenthaltes von Kindern nach 20.00 Uhr in der Innenstadt auszusprechen. Kinder die trotzdem obdachlos in der Innenstadt angetroffen wurden liefen Gefahr von Todesschwadronen einfach angeschossen zu werden. Damit wurde das innere Stadtgebiet gesäubert und das Problem in die Favelas zurückgedrängt. Solche „kulturellen Erfahrungen“ sind der Nährboden für die Rekrutierung von soldados. Inzwischen hat sich vieles verbessert. Die politischen Verhältnisse sind stabiler geworden, wenn man bedenkt, dass Brasilien bis in die 50er Jahre von Großgrundbesitzern beherrscht wurde, dann fast 30 Jahre unter einer Militärdiktatur gelitten hat und nunmehr gerade einmal 25 Jahre versucht demokratische Verhältnisse herzustellen. In den Verwaltungen und speziell in der Polizei sind die alten Verhältnisse teilweise noch konserviert. Es herrscht überall massive Korruption und Klientelpolitik, daran konnte die linke Regierung bisher auch grundsätzlich nichts ändern.

Zurück zu „Unserem Krieg“. Zum Jahreswechsel 2006 wurde die Weltöffentlichkeit mit der Nachricht aufgeschreckt „Polizeistationen in der Innenstadt von Rio bei Angriffen von Drogenkartellen gesprengt, viele tote Polizisten“. Sofort drängte sich die Ähnlichkeit der Nachrichten mit den Verhältnissen in Bagdad, im Irak, auf. Es war geschehen. Warum griffen die Drogenhändler gerade jetzt die Polizei an?

Es gibt in Rio zur Zeit drei große Drogenringe, „Die Roten“, „Die Dritte“, „ADA“ (Amigos do Amigos). Es hatte sich eine vierte Gruppe gebildet, rekrutiert aus ehemaligen Polizisten, die aus dem Dienst suspendiert waren. Eine Suspendierung setzt schon schwerwiegende Vergehen voraus, wenn Untersuchungen gezeigt haben, dass Polizisten in Rio de Janeiro jährlich das 10-fache ihres Jahresgehaltes ausgeben. Was bedeutet, dass sie sich illegale Nebeneinkünfte sichern. Diese Gruppe wollte von dem großen Kuchen des Drogenhandels, der Schutzgelderpressung und des Menschenhandels sich ein großes Stück sichern, mit Unterstützung ihrer Kollegen im offiziellen Polizeidienst. Durch Überfälle und Beschlagnahmung von Drogen wurde die neue Gruppe (milizias) mit Stoff versorgt, um den Markt zu erobern und mit Unterstützung der offiziellen Polizei wurden ihnen die Voraussetzungen geschaffen die Herrschaft in einigen Favelas zu übernehmen. Diese Entwicklung fanden die Drogenkartelle nicht witzig. Der Status quo war verletzt und die Kartelle einigten sich auf Gegenmaßnahmen. Sie vereinbarten wochenlang nichts gegeneinander zu unternehmen und beauftragten jeweils ein Kartell wöchentlich eine Polizeistation in Rio wegzusprengen. 2006 wurden 38.000 Tote allein in Rio registriert. Das sind ca. 100 Tote am Tag. In Brasilien muß man insgesamt von ca. 100 000 Menschen als Opfer von Gewalt ausgehen. Diese Zahlen stehen denen im Irak nichts nach. Die Opfer im Irak sind, wie uns die Bush-Administration ständig erklären möchte, dem Kampf nach Demokratie geschuldet. Unter der Schutzmacht Amerika und Deutschland gibt es in Afghanistan inzwischen wieder blühende Mohnfelder, die den weltweiten Drogenhandel anheizen. Drogen sind das weltweite Zahlungsmittel für Waffen. Wenn wir, wie uns immer wieder unterbreitet wird, unsere Demokratie am Hindukusch verteidigt wird, dann sollten wir auch unsere Demokratie in Rio de Janeiro verteidigen. In der Vergangenheit hat die USA in Lateinamerika Militärdiktaturen installiert und unterstützt und sie sind für die heutigen Verhältnisse dort mit verantwortlich. Was kann man tun, und wie kann der Frieden sichergestellt werden? Die Entwicklung der Favelas zu menschenwürdigen und offiziellen Ansiedlungen, befestigten Anschlüssen an den offiziellen Straßenverkehr, führt dazu, dass wenn die Favelas vom Verkehr durchgeflutet werden, die Drogenhändler diese Favelas in der Regel verlassen. Vorher konnten die Favelas wie Festungen verteidigt werden, unter den neuen Bedingungen können Sie ihren Geschäften nicht mehr ungestört nachgehen. Die Form als ausgegrenzten Menschen unter der Herrschaft von Mafia Strukturen können im skizzierten Sinne durch Legalisierung, Versorgung mit medizinischen Dienstleistungen und Bildungsangeboten in die demokratische Gesellschaft zurückgeführt werden, in die Lage versetzt werden ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und vollwertige Mitglieder der Gesellschaft werden. Heute wird in den Favelas teilweise ein vorbildliches medizinisches- und Bildungsangebot realisiert was bis zur Sicherung der Lebenseinkünfte durch Vermittlung in Arbeit geschieht. Die Arbeit von Ourchild und IBISS in Rio gegen die Ausgrenzung von Bevölkerungsteilen ist sicher auch beispielhaft für die Bewältigung von Problemen in unserer Gesellschaft.