Eine Maloca in Vida Nova, Amazonas, Brasilien

Das Volk der Marubo lebt in einem bereits demarkierten, d.h. ihnen zugesprochenen Gebiet im Nordwesten Brasiliens im Bundesland Amazonas. Durch den Kontakt mit der Einwandererkultur hat das Volk mehrere ihnen bisher unbekannte, fatale Krankheiten zu erleiden. Besonders bedrohlich sind die verschiedenen Formen der Hepatitis, vor allem die Hepatitis B, sowie die Malaria. Das internationale Kinderhilfswerk Ourchild e.V., Bad Sulza hat es sich zur Aufgabe gestellt, dem Volk der Marubo im Kampf um ein würdiges Leben beizustehen. „Es geht nicht nur um uns. Wenn wir sterben, stirbt auch der Wald“, sagte der Schamane Robson bei seinem Besuch in Auerstedt im Juni 2011. In dem Gebiet der Marubo leben die meisten noch unkontaktierten Stämme Brasiliens.

Im Rahmen des Projekts „Rettet die Marubo“ ist Dipl.-Ing.-Agr. Paul Moll, der seit vielen Jahren im benachbarten Bundesland Acre lebt, als Bauleiter für die Errichtung eines Schulgebäudes im Dorf Vida Nova von Ourchild e.V. beauftragt worden. Die Schule soll in Form einer Maloca, also eines typischen brasilianischen Langhauses, erbaut werden, damit der Schulunterricht in dem natürlichen, gewohnten Umfeld der Marubo – auch architektonisch gesehen – ermöglicht werden kann. Die schulische Ausbildung der Marubo ist unbedingt notwendig, damit sie sich  in der brasilianischen Gesellschaft auch langfristig behaupten können. Der Unterricht für die Kinder der 13 Dörfer der Marubo wird sowohl den von der Regierung vorgegebenen Lehrplan als die Weitergabe von traditionellen indigenen Wissen beinhalten. Zudem kann die Maloca auch für Treffen der Marubo-Vertreter zum Austausch und zur Weiterbildung genutzt werden und soll in den Schulferien dem traditionellen, indigenen Unterricht wie langfristig auch der Weiterbildung zur Erlangung eines Hochschulabschlusses genutzt werden. In einem zweiten Schritt soll die Maloca zu einem Internat weiterentwickelt werden, in dem ein höherer Schulabschluss generell ermöglicht wird. In der Maloca kann auch Gesundheits- und Hygieneerziehung stattfinden. Als erster Kurs in dieser Hinsicht ist eine Weiterbildung geplant, in deren Rahmen schulmedizinisches Wissen und das Wissen der traditionellen, indigenen Hebammen ausgetauscht werden soll.

Im Folgenden übermitteln wir Ihnen einen Zwischenbericht über Paul Molls Aktivitäten im Amazonasgebiet in den letzten Wochen.

„Am 26. November 2013 fuhr ich gemeinsam mit Iva vom CIMI (Conselho Indigenista Missionário – der Indigenen-Missionsrat der Brasilianischen Bischofskonferenz) gegen 8:00 Uhr in Cruzeiro do Sul mit einem relativ schnellen Motorboot ab. Mit diesem Transportmittel kamen wir zügig voran und trafen bereits um 10 Uhr in Boa Fé am Ufer des Juruá ein. Da dort niemand war, um uns abzuholen, haben wir uns erst einmal eine Wartepause eingelegt. In Boa Fé bauen die Marubos gerade eine Art Gästehaus, in dem sie auf der Reise nach Cruzeiro oder Guajará übernachten können.

Gegen 13:00 Uhr traf dann Sebastião Marubo, der auch ein Haus in Cruzeiro hat, ein. Begleitet wurde er von seinem Neffen Nazareno und einem Biologen und Fotografen, der bei der OPIRJ (Organização do Povos Indígenas do Rio Juruá – Organisation für die indigenen Völker am Fluss Juruá) arbeitet. Nazareno zog dann los, um uns ein Boot am Ufer des Flusses Itui zu organisieren. Wir haben derweil unsere erste Nacht in Boa Fé verbracht.

Am Morgen des 27. Novembers haben wir uns bereits zu früher Stunde auf den Weg gemacht. Im Laufe des Vormittags kam dann Nazareno mit einem anderen jungen Mann zurück. Sie hatten bereits ein Boot organisiert und kamen nun, um uns beim Tragen des Gepäcks zu helfen. Da wir es an diesem Tag nicht mehr bis zum Ufer des Flusses geschafft haben, mussten wir in einem improvisierten Camp übernachten. Zwischenzeitlich erreichte uns auch die Nachricht, dass uns tatsächlich niemand erwartete. Ohne Sebastião Marubo wären wir also gar nicht erst losgegangen.

Am 28. November kamen wir dann nach einem etwa dreistündigen Marsch gegen 10 Uhr am Ufer des Itui an. Von dort fuhren wir mit Sebastiãos Boot weiter. Unterwegs hielten wir in einigen Dörfern, um uns zu erkundigen, was los war und die Einwohner zur Versammlung, die am nächsten Tag im Dorf Vida Nova stattfinden sollte, einzuladen. Vida Nova ist das Hauptdorf, in dem auch die Schule errichtet werden soll. Wir selbst kamen gegen 17 Uhr dort an. Wir trafen auf Benedito Dionisio da Silva Ferreira, einem Heiler und Lehrer der Marubo, dem – zusammen mit dem Schamanen und  Lehrer Robson Dionisio Doles Marubo – eine zentrale Rolle bei dem transkulturellen Wissensaustausch des Projekts zukommt. Er war bereits seit fünf Tagen in Vida Nova. Robson war nicht anwesend, da er sich auf Reisen (vermutlich in São Paulo) befand. Doch Benedito kümmerte sich gut um uns. Er besorgte uns einen Schlafplatz in der Grundschule und etwas Essen. Zu unserem Glück befanden sich zu dieser Zeit nahezu alle Pagés („Medizinmänner“) sowie die Ältesten aus mehreren der 13 Marubodörfer entlang des Flusses Itui in Vida Nova. Der Grund hierfür war die schwere Erkrankung einer alten Frau. Für ebendiese Frau wurde ein Pagelancia, also ein Gesundbetungsritual, veranstaltet. Das Ritual hielt bereits seit zwei Nächten an und sollte noch weiter zwei Nächte andauern. Teilnehmen durften wir nicht; trotzdem konnten wir die ganze Nacht hindurch die Gebete und Gesänge hören.

Nachdem sich die Ältesten einverstanden erklärten, dass wir am nächsten Morgen eine Versammlung mit den Lideranças („Häuptlingen“) und einigen jungen Lehrern abhalten könnten, trafen wir uns am 29. November um 7:30 Uhr. Außer den Marubos, Iva und mir waren noch zwei Zahnärzte und eine Krankenschwester anwesend. Sie arbeiten für die Kreisgesundheitsbehörde in Ataleia do Norte und kümmern sich um den Gesundheitsposten, den die Regierung in Vida Nova errichtet hat.

Die Versammlung dauerte bis etwa 15 Uhr und wurde in der Sprache der Marubos abgehalten. Etwa jede halbe Stunde wurde zusammenfassend übersetzt. Eine Pause gab es nicht. Zunächst musste sich Benedito heftiger Kritik stellen, da er sein Volk nicht ausreichend über das Projekt und seine Deutschlandreise, die ihn zusammen mit Robson im Jahr 2011 nach Thüringen führte, informiert hatte.

Benedito entschuldigte sich und stellte die Wichtigkeit des Projektes dar. Ich selbst betonte, dass bei dem Bau der Schule die Gemeinschaft von höchster Bedeutung ist. Auch wenn die Maloca in Vida Nova errichtet wird – dem Ort, der für alle am zentralsten ist –, gehört sie doch nicht den Bewohnern von Vida Nova allein. Sie gehört auch den Bewohnern der anderen Marubodörfer. Dies bedeutet zudem, dass auch alle bei dem Bau mithelfen. Kurz gesagt ist es eine Schule von allen für alle. Außerdem stellte ich klar, dass wir als Bau- bzw. Projektleiter „nur“ das notwendige Werkzeug und Teil des Materials bereitstellen werden. Die Durchführung des Transports und des Baus liegt – ganz im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe – in der Verantwortung der Marubo. Mit diesem Ansatz zeigten sich alle einverstanden und versprachen, tatkräftig mitzuhelfen. Diese Hilfe ist dringend nötig, da allein für den Transport der Materialien durch den Wald etwa 30 Männer benötigt werden.

Zusammenfassend wurde beschlossen, dass die Maloca in Vida Nova in Gemeinschaftsarbeit konstruiert wird. Für die Leitung sind Benedito und Robson zuständig. Unterstützt werden sie von Sebastião, der selbst gelernter Zimmermann und Maurer ist. Zu Beginn der Arbeiten wird ein Arbeitsplan erstellt, der dafür sorgen soll, dass alle Helfer sinnvoll und gerecht eingeteilt werden.

Ich selbst werde dann am 15. Januar mit einem großen Boot, das uns von der Gesundheitspastorale der Diözese zur Verfügung gestellt wird, Werkzeuge und Material nach Boa Fé bringen. Von dort werden sie durch den Wald bis Vida Nova weitertransportiert. Ich werde bei dem Transport dabei sein und dann noch etwa drei oder vier Wochen in Vida Nova bleiben, um den Bau zu begleiten. Prof. Guilherme Werlang hat mir bereits mitgeteilt, dass er die ersten Tage ebenfalls in Vida Nova sein wird.

Es stellte sich zudem heraus, dass für den Bau noch unterschiedliche Sachen angeschafft werden müssen. Hierzu zählen etwa kleine Kanister für den Transport des Benzins, eine Kreissäge und  transparente Fiberglasplatten für das Dach der Maloca. Um die nötigen Mittel hierfür (etwa 2000 Euro) zu besorgen, stehe ich bereits in direktem Kontakt mit IBISS (Instituto Brasileiro de Inovações em Saude Social – Brasilianisches Institut für Innovation und sozialer Gesundheitsfürsorge), unserem brasilianischen Projektpartner aus Rio de Janeiro und langjähriger Partner von Ourchild.

Bezüglich des Hebammenkurses wurde ich gebeten, ein Schreiben zu erstellen, in dem die Marubo erklären, dass ein solcher Kurs äußerst wichtig ist. Zudem ist es notwendig, dass sie in diesem Schreiben CIMI als Partner anerkennen, damit der Kurs durchgeführt werden kann. Ich werde das Schreiben im Januar zu ihnen zur Unterzeichnung mitnehmen.

Die Rückfahrt nach Cruzeiro do Sul traten wir am 30. November an. Nach einer sechsstündigen Fahrt auf dem Fluss Itui und einer problemlosen Übernachtung traten wir am 1. Dezember den Rückmarsch an. Nach 11 Stunden erreichten wir wieder den Fluss Juruá, von wo wir am nächsten Morgen (2. Dezember) mit einem Holzboot nach Cruzeiro do Sol fuhren, wo wir etwa um 16 Uhr ankamen.

Ich bin sehr zufrieden mit meinem Besuch bei den Marubo in Vida Nova und denke, dass wir die Schule bis zur Abnahme Ende März vollständig errichtet haben werden.“

Paul Moll im Januar 2014